Polarisieren: Ja, Bitte!






Ein Artikel von Marcus Franz

Jede Synthese entsteht aus These und Antithese. Die Schaffung von Synthesen kann ein durchaus anstrengender, harter und manchmal sogar schmerzvoller Prozess sein. Das
gilt nicht nur für die Wissenschaft und die Philosophie, sondern auch für das Zusammenleben der Menschen. Dieses funktioniert nach dem gleichen Prinzip: Verschiedene Haltungen und Weltsichten
ergeben unterschiedliche Gesellschaftsstrukturen. Wenn Gesellschaften und Weltanschauungen in Kontakt mit anderen treten, ergeben sich zwangsläufig polarisierende Situationen, aus den in
irgendeiner Weise Synthesen entstehen (müssen).

 

Die Trias in der Politik

Der Grundsatz These-Antithese-Synthese gilt demzufolge auch  und vor allem für die Politik. Wir nennen die politische Synthese auch Kompromiss oder Interessenausgleich. Ihm muss
immer ein Diskurs, ein Konflikt, eine Debatte und in manchen Situationen leider auch ein Krieg vorausgehen. Krieg ist ja nach Clausewitz “die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln”.  

 

Wenn eine Gesellschaft den Kompromiss zum primären Ziel erklärt und dieses Ziel für wichtiger hält als jede Debatte und jeden Konflikt, wird es früher oder später problematisch. Wenn die
betreffende Gesellschaft in ihrer Prämisse der Konfrontationsvermeidung sogar so weit geht, Konflikte um jeden Preis vermeiden zu wollen, dann begibt sich diese Gesellschaft in eine
automatisch und wesenhaft schwache, letztlich unterlegene Position. Die veröffentlichte Meinung wird in diesen Sozietäten solcherart zu einer erstickend-schwülen Echokammer, in der nur mehr von
Toleranz, Friedfertigkeit, Verständnis, Geduld, Erdulden, Aushalten, Abfinden und anderen Sekundärtugenden die Rede ist.

 

Die Spätfolgen der Revolution

In Europa – und vor allem in Deutschland – erleben wir genau diese Situation. Die mittlerweile völlig degenerierten zentralen Begriffe aus der Französischen Revolution namens Freiheit,
Gleichheit
und Brüderlichkeit beherrschen noch immer die politische Denke in den kontinentaleuropäischen Demokratien.  Sie haben die europäischen Gesellschaften durchdrungen
wie eine diffus infiltrierende Erkrankung und richten überall ihren nicht wieder gut zu machenden Schaden an.

 

Fast alles, was je unter der ständigen Nennung der drei Slogans, die von den Sozialisten noch um die Soziale Gerechtigkeit erweitert wurden, in Europa an Demokratisierung und oft nur
vermeintlichem Fortschritt entstanden ist, fällt den Europäern nun auf den Kopf. Besonders diejenigen Regierungen, in denen linke Parteien beteiligt sind, werden zu Gefangenen ihrer eigenen
Vorgaben.

 

Sozialistendämmerung

Die Sozialisten hat es dabei besonders arg erwischt. Die Krise der Sozialdemokratie ist allseits bekannt. Ihre einzige Chance, politisch längerfristig zu überleben, läge nur in einer Forcierung
einer national orientierten Politik. Aber national und sozialistisch – das geht zum Glück nie wieder.

 

Linke müssen also heute dem Internationalismus frönen und getreu dieser Haltung die Migration fördern und die Vereinigten Staaten von Europa anstreben. Der deutsche Sozialisten-Chef
Martin Schulz hat das kürzlich exemplarisch vorexerziert. Das Nationale müssen die Sozialisten aus Gründen der eigenen Vergangenheitsbewältigung bekämpfen, wo immer sie es sehen. Weil die
überwiegende Mehrzahl der Bürger diese Haltung aber nicht (mehr) teilt, stehen die Sozialisten am offenen Grab ihrer eigenen Ideologie. Das macht sie frustriert und wütend. 

 

Diese Wut kann man als linker Politiker natürlich nicht offen zeigen, also muss man die Andersmeinenden mit den schwülstigen und längst überkommenen Formeln der Gleichheitsphilosophie bedrängen
und versuchen, sie damit mundtot zu machen. Das ist nicht nur in den erklärt linken Fraktionen der Fall, sondern das tun die “Sozialisten in allen Parteien. ” (F.A. Hayek). Die moralisierenden
Beschwörungen, dass man dem nationalen Denken heute keinen Platz mehr geben darf, ziehen sich quer durch fast alle Lager. Damit werden in Bausch und Bogen gleich alle pejorisiert, die es für
sinnvoll erachten, ein “Europa der Nationen” zu bewahren. 

 

Denkverbote nützen keinem

Die Denk- und vor allem die Meinungsäußerungsverbote schaden dem politischen Klima enorm. In Österreich ist die Situation durch die deutliche Mehrheit, welche die Mitte-Rechts-Parteien bei der
letzten Nationalratswahlen eingefahren haben, besser geworden. Man muss jetzt nicht mehr dreimal nachdenken, ob man “etwas überhaupt noch sagen darf” – wiewohl es noch immer angebracht ist, sich
die freie Meinung gut zu überlegen. Vor allem, wenn man in abhängigen Positionen tätig ist. Die Denunzianten lauern überall.

 

Dasselbe betrifft natürlich die Sichtweisen zum europäischen Problem Nr. 1: Die Rede ist von der Massenmigration und den damit verbundenen enormen kulturellen und wirtschaftlichen Problemen, die
wir uns durch dieses Phänomen aufhalsen. Wenn alle Haltungen zur Masseneinwanderung, die nicht prinzipiell pro Migration lauten, von vornherein vom  linksorientierten politmedialen
Komplex verdammt werden, kann keine sinnvolle Synthese aus den vorhandenen Anschauungen und den sachlichen Notwendigkeiten entstehen.  

 

Der freie Diskurs versus Totalitarismus

Eine fortschrittliche Gesellschaft sollte also alles daran setzen, die Meinungsvielfalt zu fördern und allem, was gesagt wird, ohne Vorverurteilung zunächst einmal genug Raum geben, um es dann
diskutieren zu können. Wenn im Namen der Linksmoral ein beengendes und am Ende bedrohliches, aber immer als gerecht, tolerant und gleichheitsfördernd daherkommendes offizielles Meinungsklima
gepflegt wird, so bleibt dieses letzten Endes doch nur das, was es ist: Ein Totalitarismus im neuen Gewand.